Beitrag von Sarah Holschneider, L-One Systems, Darmstadt, 22. Mai 2020

Arbeiten im Home Office ist jetzt akzeptiert und zeitigt sogar eine höhere Produktivität. Das kann L-One Systems feststellen. Das Darmstädter Unternehmen, das sich mit der Digitalisierung von Geschäftsprozessen befasst, überlegt sogar künftig ohne festes Büro weiterzuarbeiten. Auf jeden Fall: Unternehmen müssen mit der Zeit gehen und ihre Strategie anpassen, um krisenfester zu sein. Und: Die Unbekümmertheit, mit der viele vor der Pandemie gewirtschaftet haben, ist weg.  

Foto: L-One

Sarah Holschneider,
Head of NLP, L-One Systems GmbH, Darmstadt.
www.l-one.de

 

Bei L-One Systems hatten wir das Glück, dass bislang keines unserer Projekte von der Krise betroffen ist und kein Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen musste. Da wir schon vor der Corona-Pandemie regelmäßig im Home Office gearbeitet haben und der Austausch mit unserem Büro in Damaskus ohnehin immer online stattfindet, waren wir auf die neue Situation sehr gut eingestellt. Die Tools waren allen bekannt, und der übliche Rhythmus hat sich nicht groß verändert. Auf Firmenebene haben wir regelmäßige Home-Office-Check-Ups eingeführt, in denen jeder kurz berichten kann, wie es ihm geht und ob (auch arbeitsunabhängig) irgendwelche Neuigkeiten zu berichten sind. Nicht immer gibt es während der Check-Ups viel zu erzählen – als Ritual habe ich diese Meetings allerdings sehr schätzen gelernt.

Anwesenheit im Büro gehört nicht mehr zur Etikette

Die allgemeine Akzeptanz von Home Office hat sich selbstverständlich auch geändert. So habe ich vor der Pandemie oft darauf geachtet, für Meetings auf Firmenebene oder mit Kunden, selbst wenn diese online stattgefunden haben, im Büro zu sein. Aus dem Bekanntenkreis wusste ich, dass in einigen Kreisen Home Office nicht als „richtige Arbeit“ wahrgenommen wird, und über diesen Strick wollte ich nicht stolpern. Praktischen Mehrwert hatte meine Anwesenheit im Büro dann zwar nicht, aber ich habe es als Zeichen des Respekts für mein Gegenüber gesehen. Diese Etikette ist jetzt weggefallen. Man konzentriert sich jetzt im Wesentlichen darauf, ob das jeweilige Meeting informativen Mehrwert liefert oder nicht.

Für mich überraschend war das äußerst positive Feedback zum Arbeiten von daheim. Ich selbst war zwar schon vor Corona ein Fan von Home Office, insgesamt haben die geänderten Arbeitsbedingungen aber sogar die Produktivität erhöht. Alle Mitarbeiter berichten, sie seien entspannter. Mittlerweile ist sogar die komplette Abschaffung unseres Büros eine Option, die ernsthaft im Team diskutiert wird.

Arbeitsrhythmen werden individuell angepasst

Festnetztelefon und feste PCs werden heutzutage nicht mehr benötigt. Erreichbarkeit sollte im Jahr 2020 nicht mehr an Orte, sondern an individuelle Verfügbarkeiten gekoppelt sein. Das muss nicht heißen, dass jeder 24/7 erreichbar ist oder nur dann ans Telefon geht, wenn die Kollegen im Feierabend sind. Vielmehr bedeutet es, dass wir die Chance haben, Arbeitsrhythmen individuell an Teams und Lebensumstände anzupassen und auf lange Frist sowohl unsere Produktivität als auch unsere Lebensqualität zu steigern. So benötigen wir für die Zukunft dringend den Breitbandausbau! Denn ohne ordentliche Internetverbindung sind die meisten Tools zur digitalen Kommunikation nicht zu gebrauchen.

Beweglich sein und Strategie adaptieren

Die durch Covid-19 hervorgerufene Krise hat niemand voraussehen können. Unternehmen, die jahrzehntelag sicher aufgestellt waren, stehen plötzlich vor den größten Verlusten ihrer Geschichte und müssen Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit schicken. Unternehmen, die nicht auf direkte menschliche Kontakte angewiesen sind und digitale Produkte vertreiben, erscheinen aktuell zwar weniger betroffen – aber es hätte jeden treffen können. Einen Unterschied macht allerdings in vielen Fällen die Einstellung von Firmen und deren Führungsriege. Bei einigen Unternehmen vermisse ich Flexibilität und Sportsgeist. Wenn ich die vergangenen 20 Jahre ein Produkt vertrieben habe und damit erfolgreich war, ergibt sich daraus nun einmal leider kein Recht auf einen Mindestabsatz für die nächsten 20 Jahre. Wenn sich die Gesellschaft ändert, sei es durch Pandemien oder durch sonstige Entwicklungen, müssen Unternehmen mit der Zeit gehen und ihre Strategie anpassen. Dasselbe gilt für Individuen. Vielleicht wird mein aktuelles Berufsbild in zehn Jahren nicht mehr benötigt. Das muss mich aber nicht verängstigen. Schließlich bin ich ein Mensch und habe damit ein deutlich höheres Potenzial als meine aktuelle Berufsbezeichnung. 


Immerzu Wachstum – ist jetzt Schluss damit?

Wachstum ist wichtig, Menschenleben sind wichtiger. Ich bin zuversichtlich, dass wir es wieder in die luxuriöse Situation zurückschaffen, in der wir sagen können, „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ sei das A und O. Dass temporär andere Dinge an Wichtigkeit gewinnen und priorisiert werden müssen, muss uns nicht am Gesamtkonzept zweifeln lassen. Allerdings wird die Unbekümmertheit, mit der viele vor der Pandemie gewirtschaftet haben, nicht mehr in dieser Form anzutreffen sein. Künftig wird Krisenplänen und Worst-Case-Scenarios eine höhere Aufmerksamkeit gezollt.

„Wohlstand“: Neu definieren? Oder neu gestalten?

Wie wurde „Wohlstand“ denn bislang definiert? Ich denke, die Meinungen klaffen hier stark auseinander, und manchmal wird die Einschätzung auch durch temporäre Befindlichkeiten getrübt. Ich nehme an, jeder in Deutschland würde prinzipiell gern mehr Geld haben. Wieso auch nicht. Für mich persönlich bedeutet Wohlstand, dass ich mir mehr Dinge leisten kann, die mich glücklich machen, dass ich Menschen unterstützen kann, die mir am Herzen liegen, und dass ich für schlechte Zeiten Geld zur Seite legen kann. Lebensumstände unterscheiden sich, und so tun es auch die Definitionen von Wohlstand. Das war vor Corona so und daran hat Corona auch nichts geändert. Auch zwischen den Generationen treten hier Unterschiede zu Tage. Auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet Wohlstand für mich, dass wir genug Geld übrighaben, ein funktionierendes Gesundheitssystem instand zu halten und niemand verhungern muss. Sicherlich gibt es Wege, den Wohlstand noch besser zu verteilen. Weil die adäquate Unterstützung systemrelevanter Gruppen letztlich jedem zugutekommt und dadurch den Wohlstand unserer Gesellschaft begründet. Die Aufmerksamkeit, die verschiedene gesellschaftliche Gruppen jetzt erfahren, wird uns nach der Pandemie vielleicht als Wegweiser dienen können, wenn es darum geht, Prioritäten neu zu setzen.

Wir leben zunehmend virtuell, online, digital – doch wir benötigen soziale Beziehungen!

Ich habe den Eindruck, dass psychologisch vor allem diejenigen gut durch die Krise kommen, die auch vorher schon mit ihrer Gesamtsituation zufrieden waren. Insbesondere wenn die Teilnahme an Partys und Großveranstaltungen untersagt ist, spielt es eine große Rolle, mit wem, wie und wie oft wir im Austausch stehen. Wer plötzlich mit seinem Partner zwei Monate das Home Office teilt und sich bei der Partnerwahl vergriffen hat, steht jetzt beispielsweise vor einem Problem. Vielleicht entwickelt sich künftig sogar ein stärkeres Bewusstsein für die enorme Wichtigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen. Dass der Austausch in einigen Fällen nur noch digital stattfindet, muss nicht immer ein Manko darstellen. Insbesondere diejenigen, die es gewöhnt sind, digital zu kommunizieren, öffnen sich via Chat oder Video-Chat manchmal sogar schneller als im direkten Austausch.

„Die Pandemie-Situation hat mich Dankbarkeit gelehrt“

Persönlich hat mich die Pandemie-Situation vor allem Dankbarkeit gelehrt. Bei allen Hiobsbotschaften bin ich im Wesentlichen einfach glücklich, dass bislang niemand in meinem Umfeld erkrankt und die Lebensmittelversorgung in Deutschland immer noch gewährleistet ist. Erstaunt bin ich, wie viele Menschen, die finanziell und medizinisch nicht betroffen sind, aus einfachen Dingen (Videokonferenzen, nicht ins Fitness-Studio können, etc.) Umstände fabrizieren. Damit möchte ich selbstverständlich nicht die tiefergehenden Probleme bagatellisieren, die bei einigen jetzt aufbrechen. In vielen Fällen ist „Corona“ oder „Home Office“ als solches allerdings gar nicht der eigentliche Störfaktor, sondern die Rahmenbedingungen des Arbeitens zu Hause oder die Art und Weise, wie in der jeweiligen Firma Videokonferenzen abgehalten werden.

Auch Individuen müssen sich flexibel umorganisieren

Manche sind insgeheim auch mit ihrer Wohnsituation oder der Partnerschaft unzufrieden und konnten vor Corona raffinierte Wege finden, sich davon abzulenken. Nicht immer liegt die Lösung in politischen Entscheidungen für die Gesamtgesellschaft. Manchmal sind wir auch einfach als Individuum gefordert, unser Leben flexibel umzuorganisieren. Lustigerweise ergibt sich diese Einschätzung daraus, dass ich mich selbst immer für eine eher unflexible Person gehalten habe, die stark an Gewohnheiten festhält und immer skeptisch die Fliege in der Suppe sucht. Mein Selbstbild in dieser Hinsicht habe ich in den letzten Wochen tatsächlich revidieren können. Menschen werden wohl einfach durch verschiedene Dinge getriggert, sind sich in der Summe aber doch recht ähnlich. Tatsächlich habe ich die Krise insgesamt positiv wahrgenommen. Ich fühle mich entspannter und das Gefühl, meinem eigenen Terminkalender hinterherzurennen, hat sich gelegt. Meine Arbeit hat sich nicht verändert, aber ich spare Fahrtwege.