Beitrag von Alexander Markert, Frankfurt, 09. Mai 2020

Headhunting und Recruiting von Fach- und Führungskräften ist das Thema von Alexander Markert. In diesen Tagen stellt er unter anderem fest: Die persönlichen Kontakte fehlen, die digitale Infrastruktur lässt zu wünschen übrig, und es wird höchste Zeit, endlich wieder mit Eintracht Frankfurt durchs Land ziehen zu können.  

Die aktuelle Situation hat dazu geführt, dass ich nur sehr eingeschränkt handlungsfähig sein kann, da ich auf persönliche Kontakte angewiesen bin und diese sich nur unemotional digitalisieren lassen. Persönliche Treffen mit Kunden und Kandidaten sind leider unmöglich geworden. Zudem haben einige Kunden das aktive Recruiting komplett eingestellt – was ich für einen sehr schwerwiegenden Fehler halte. Denn so schnell lässt sich das von heute auf morgen auch nicht wieder hochfahren, und der „War for Talents“ wird dann nur noch mehr forciert werden. Auf der anderen Seite sind viele Kandidaten kaum wechselbereit und wollen erstmal kein Risiko eingehen, solange der aktuelle Job noch sicher ist – als Headhunter also keine ganz einfache Lage.

 

Nach wie vor hat der persönliche Faktor beim Recruiting eine Schlüsselposition inne, sowohl bei der ersten Ansprache als auch später im persönlichen Austausch. Vertrauen erarbeitet man sich eben nicht per Klick oder CPx. Und für die maßgeschneiderte Besetzung erfordert es eben auch Fingerspitzengefühl und manchmal auch Überzeugungskunst, das heißt, man muss den richtigen Impuls für die Wechselmotivation setzen. Das lässt sich weder automatisieren noch digitalisieren.

Auf Home Office schlecht vorbereitet

Interviews kann man zwar auch per Video Conferencing führen, aber das emotionale Element fehlt hier komplett. Bei Entscheidungen pro oder contra eines Angebots für einen Jobwechsel spielt aber die Chemie zwischen Kandidat und dem oder der zukünftigen Chef/in eine sehr wichtige Rolle. Man muss sich eben auch riechen können, im wahrsten Sinne des Wortes. In der (Video-)Abstimmung mit Kandidaten stelle ich leider auch erschreckend häufig fest, wie schlecht unsere digitale Infrastruktur ist und wie wenig Home-Office-Möglichkeiten in den meisten Firmen vorbereitet waren. Mancher Austausch musste deshalb über das wackelige Smartphone in der Hand stattfinden.

 

Definitiv „out“ ist es aus meiner Sicht, künftig für kurze Meetings durch die halbe Republik zu fliegen – solche Ausflüge werden der Vergangenheit angehören. Vielmehr liegt der Fokus künftig auf den Themen Digitalisierung, sichere Remote-Zugriffe, selbständiges Arbeiten und eine andere Führungskultur: Der wichtigste Mitarbeiter ist eben doch nicht derjenige, der morgens als erstes kommt und abends als letztes aus dem Büro geht, egal was er tagsüber auch immer gearbeitet haben mag. Auch die Diskussionen mit HR und Geschäftsleitung, wer, wann und wie Home Office „erlaubt“ bekommt, dürfte hoffentlich bald vergessen sein.

 

Vorschlag: Start-up-Initiative für sichere und offene IT-Plattformen

Warum eigentlich startet man nicht mal europaweit eine Initiative für sichere und offene IT-Plattformen? Mit staatlicher Förderung könnte man auf diese Weise ein eigenes Start-up-Biotop hochziehen. Gerade die Öffentliche Hand könnte mit Open Money für Open Source eine Vorreiterrolle einnehmen und gezielt Start Ups in zukünftigen und heutigen Schlüsselindustrien fördern. Seit BS2000 und SAP ist ja leider nicht mehr so viel passiert, und die große Digitalisierungswelle in unseren Kernbranchen Elektrotechnik und Maschinenbau steht ja noch bevor.

Dringend erforderlich: leistungsfähige 5G-Infrastruktur 

Im Bereich der industriellen Fertigung wird das Internet of Things keinen Stein auf dem anderen lassen. Hierfür braucht es schnellstmöglich eine leistungsfähige 5G-Infrastruktur an jeder Milchkanne. Und auch hier könnten wir mit Open Money für Open Source bestimmt einige innovative Start Ups fördern und fordern. Leider läuft die aktuelle politische Diskussion eher in Richtung Handelskrieg USA vs. China – und wir Europäer schauen zu.

Unsere Politik sollte sich durchaus wieder mehr auf soziale Martwirtschaft konzentrieren und für einen fairen Markt zwischen den Tech-Giganten Alphabet, facebook, amazon und unseren Unternehmen sorgen und endlich auch für eine faire Besteuerung. Der gesunde Mittelständler aus Rhein-Main muss schließlich auch auf dem Weltmarkt agieren und sein Unternehmen hier vor Ort ordentlich versteuern. 


Foto: privat

Alexander Markert ist Inhaber von MMC Markert Management Consulting in Frankfurt/M. Er befasst sich mit Headhunting und Recruiting von Fach- und Führungskräften. www.mmc.fm

 

Entschleunigung und ehrenamtliches Engagement

Entschleunigung würde vielen bestimmt persönlich ganz guttun. Das immer Schneller, Weiter, Höher geht nie lange gut. Der Mensch als Sozialwesen braucht als Ausgleich auch Ruhe, Besinnung, Reflektion. Ich kann hier aus der eigenen Erfahrung nur empfehlen, mal ein Ehrenamt zu übernehmen. Es gibt ja genügend Herausforderungen im Sozialen, in der Kultur oder auch im Sport. Auch Reisen bildet ungemein, wenn man das Resort mal verlässt und sich auf das eigentliche Leben in den Urlaubsdestinationen einlässt. Man geht danach doch um einiges demütiger durchs Leben.

Die Globalisierung bleibt!

Die Globalisierung ist und bleibt eine wertvolle Errungenschaft. Das Rad lässt sich hier nicht mehr zurückdrehen, und sobald wir die aktuelle Covid-19-Pandemie mit Impfungen und/oder Heilmitteln in den Griff bekommen haben, wird es wieder Möglichkeiten zum Reisen geben. Die Wirtschaft ist längst global vernetzt, was wir ja mit Medikamentenknappheit und fehlenden Atemschutzmasken gerade feststellen mussten. Unter dem Strich hat die weltweite Globalisierung auch viel Gutes für die Menschen weltweit erreicht. Hunger, Kindersterblichkeit, Analphabetismus usw. waren noch nie so gering wie heutzutage. Auf der anderen Seite haben wir es mit neuen Herausforderungen wie der globalen Änderung des Klimas zu tun, worauf leider noch viel zu viele Antworten fehlen.

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht den persönlichen Kontakt zu anderen. Mir fehlen Freunde, Familie, Kinobesuche, Museen, Ausstellungen, Konzerte, Single Malt Tastings. Und natürlich fehlt es mir, mit Eintracht Frankfurt durch Europa und die Bundesliga zu ziehen. Ich führe bereits eine Liste, welche Veranstaltungen schon ausgefallen sind und hoffe, dass bald Nachholtermine feststehen. Ansonsten haben wir zu Hause ausgemistet und renoviert. Und der Garten war bestimmt noch nie so gut in Schuss.

 

Aus der Krise ist mitzunehmen: Wir sind anfällig!

Bei dem Punkt, ob auch Positives in dieser Krise zu sehen ist, bin ich pessimistisch, was die globalen Auswirkungen angeht: Es wird zu Lasten der Ärmsten gehen. Und man wird doch wieder demütig! Wie schnell sich doch ein Virus um die ganze Welt ausbreiten kann und wie anfällig unsere bestehenden Prozesse und Systeme sind! Die Lessons Learned werden wir dann ja sehen, wenn wieder Normalbetrieb herrscht und alles wieder seinen üblichen Gang geht. Ich bin gespannt, was dann von den vielen guten Ansichten und Absichten übrigbleiben wird. Für eine Erholung der Wirtschaft wird mitentscheidend sein, wie lange der Shut Down noch geht und ob eine zweite Ansteckungswelle kommt.