Beitrag von Dr. Ludwig-Christian Krüger, Facharzt für Allgemeinmedizin, 16. September 2020

Das rasante Tempo der Gegenwart, vor allem beschleunigt durch Corona, bleibt nicht ohne Folgen für die physische und psychische Gesundheit der Menschen. Dr. med. Ludwig-Christian Krüger, Facharzt für Allgemeinmedizin, berichtet aus seinem Praxisalltag.

Dr Ludwig Christian Krüger

Foto: Praxis Dr. Krüger

Dr. med. Ludwig-Christian Krüger ist Facharzt für Allgemeinmedizin und betreibt seit 30 Jahren eine eigene Hausarztpraxis in Brandenburg.

In diesen Monaten und Wochen ist überall von Wandel die Rede, von Veränderung, von Umbruch. Es heißt, für die eigene Weiterentwicklung benötigten Organisationen und Systeme fortwährend „Störungen des Normalbetriebs“. Erst dann, durch Reibung und Störung, blieben Dinge in Bewegung und entwickele sich Neues. Auch der Mensch wachse erst durch die Herausforderungen, die sich ihm stellen. Das mag alles zutreffen, wenigstens aus der Draufsicht und zumindest unter normalen, üblichen Umständen. Aber was macht es mit den Menschen, wenn ein unbekanntes Virus die Welt und fast alles, was sie kannten und bis dahin zu tun gewohnt waren, ganz unerwartet umkrempelt oder sogar stilllegt? Corona gehört zu größten anzunehmenden „Störungen“. Ein GAU für Menschen, Gesellschaft, Wirtschaft. Mit dem März 2020 begann eine neue Zeitrechnung. „Normal“ ist heute gar nichts mehr. In keinem Lebens- oder Arbeitsbereich steht noch ein Stein auf dem anderen.

Corona geht unter die Haut

Freilich hat sich auch die Arbeit in meiner Hausarztpraxis einer neuen „Neuen Normalität“ zu fügen – Organisation und Abläufe lassen sich adäquat regeln, das ist nicht das Thema. Gravierend ist viel mehr die Erfahrung, die mir das vergangene halbe Jahr beschert hat: Corona macht Menschen krank, auch wenn sie nicht infiziert sind. Dieses Virus samt allen äußeren Umständen und Konsequenzen im täglichen Leben, die aus der Pandemie sinnvollerweise organisatorisch bzw. regulatorisch folgen mussten, dringt tief unter die Haut und wirkt dort leise und subtil gegen die physische und psychische Gesundheit. Corona hat polarisierende Wirkungen: von aufputschend und inspirierend bis deprimierend und niederschmetternd. Nicht bei allen Menschen, doch bei vielen Patienten, und bei einigen beides zugleich. Das macht sie fertig.

Wir haben uns verschlossen

Für uns alle – weltweit! – war dieses Frühjahr 2020 geprägt durch ein plötzliches Ereignis mit einer nie dagewesenen Einmaligkeit, auf das niemand vorbereitet war. Eine Erschütterung durch und durch. Mit traumatischer Wirkung – Menschen erleben die körperliche Unversehrtheit bedroht und reagieren mit Furcht, Hilflosigkeit und Entsetzen. Die Wochen des Lockdown waren surreal – leergefegte Straßen, geschlossene Geschäfte, keine Gottesdienste, keine Geselligkeit. Die zuvor für unmöglich gehaltenen Kämpfe um Klopapier, Nudeln, Mehl und Hefe beweisen, wie tief Corona ging! Das Virus hat an verborgene, unterbewusste Kammern geklopft.

Die Menschen begrüßen sich seither nicht mehr mit Handschlag, was immer zu unserer Kultur, zu unserem „Benimm“ gehörte. Wir weichen einander aus, statt uns zu umarmen. Wir singen nicht mehr miteinander. Aufgrund des Mundschutzes begegnen wir einander nicht mehr mit offenem Visier – auch das ist Kulturverlust. Mit Sonnenbrille und Basecap wird die Vermummung, die Abschottung nach innen total. Der Isolierung ist die Isolation gefolgt, und die macht krank. Selbstverständlich plädiere ich als Arzt unbedingt dafür, den Mundschutz zu tragen, Abstand zu halten und die Kontakte auf das Nötigste zu beschränken. Doch das alles bleibt nicht ohne Wirkung. Hinter den Masken sitzt vielfach Machtlosigkeit, Ausgeliefertsein, stille Resignation, Trauer.

Körper und Geist leiden

Ich erlebe zunehmend Menschen mit Erschöpfung, Schlafstörungen, Verspannungen, unbestimmten Bauchschmerzen. Bei jenen, denen die Pandemie-Situation besonders unter die Haut geht, entsteht Panik und Angst vor allem, was kommt. Andere reagieren apathisch. Vor mir sitzen Menschen, die in Tränen ausbrechen, weil sie nicht weiterwissen. Ich erlebe Patienten verbittert, vom Mut verlassen, müde – manche des Daseins überdrüssig. Sie können ihr bisheriges Leben nicht fortsetzen, mussten ihre Gewohnheiten aufgeben, haben Angst davor, sich anzustecken und ernsthaft zu erkranken. Die Sorge um den Arbeitsplatz und die Existenz drückt. Mitten in der Klimakrise und der Flüchtlingskrise hat uns obendrein die Coronakrise erwischt. Wie viel Krise ist aushaltbar? Nicht alle Menschen sind jung, dynamisch, neugierig, mutig, gierig nach Herausforderungen und werfen sich einer neuen, unbekannten Zukunft schwungvoll in die Arme! Werbung und soziale Medien wollen uns glauben machen, dass wir alle im Laufschritt als moderne, offene, tatkräftige „Macher“ in eine schillernde, neue Welt gehen, volldigitalisiert, vollautomatisch, nachhaltig etc. Schön, wenn es so wäre. Aber auch an den bedauernswerten Autoren der Marketinghülsen geht Corona nicht spurlos vorbei.

Merkmal Heimtücke   

Corona ist heimtückisch. Es hat sich systemisch in unser Leben eingenistet, wird da wohl vorerst auch bleiben. Es frisst sich in uns hinein, bei einigen mehr, bei manchen weniger. Die „Stay-home-Wochen“ boten vielen Menschen die Gelegenheit, sich noch mehr als sonst vor den Fernseher zu setzen. Es hat mit unzähligen Talkshows und „Wissenssendungen“ geradezu rund um die Uhr ein übles Konglomerat an Un- und Halbbildung erzeugt, das nicht minder heimtückisch wirkt wie das Virus selbst. Der exzessive TV-Konsum, diese unseligen Schlagzeilen, waren und sind nicht dazu geeignet, Aufklärung und Zuversicht zu stärken. Vielmehr wachsen Verunsicherung und Verängstigung erst recht. Auch die Gräben zwischen den Menschen werden tiefer, sogar in den Familien: Während die einen jetzt alles zu wissen glauben und als virologische „Experten“ sogar noch den Hausarzt aufzuklären versuchen, leugnen die anderen die Wirklichkeit. Beides ist ungesund sowohl für das soziale Miteinander als auch für das eigene Gemüt. Und leider greifen viele zu dem unrühmlichen Betäubungsmittel Alkohol, um das alles auszuhalten.

Der Mensch ist Mittelpunkt – und der limitierende Faktor

Die Menschen nehmen diese tiefe innere Verwundung, die Corona verursacht hat, auch mit auf ihren Arbeitsplatz. Noch immer steht der Mensch im Zentrum der Arbeit – das möge so bleiben! Seine Ausbildung, seine Erfahrungen, seine Kontakte bestimmen maßgeblich sowohl Produktion als auch Dienstleistung. Er benötigt unbedingt ein gewisses Maß an Sicherheit, Kontinuität, Verlässlichkeit und auch Ruhe. Die ist ohnehin schon durch die permanente Reizüberflutung gestört. Des Menschen Befinden schließlich, seine Schaffenskraft und Schaffensfreude, wirkt unmittelbar auf die Wertschöpfung. Zugleich ist der Mensch auch der limitierende Faktor. Ob und wie Wandel, Veränderung und Umbruch gelingen, hängt vor allem auch davon ab, wie er das alles verdaut – im wahren Sinn des Wortes.

Für meine Kunden erstelle ich Fachbeiträge und Anwenderberichte aus dem Bereich der industriellen Automatisierung und komplettiere die Texte durch aussagefähiges Bildmaterial.