Beitrag von Lucian Dold, General Manager Tactics & Operations, Global Account Management bei OMRON Europe B.V., 24.09.2020

Wir sollten uns jetzt um die nachhaltige Verbesserung der Nutzenschöpfung kümmern, meint Lucian Dold. Und wir sollten sorgfältig jene Themen angehen, für die wir bisher zu beschäftigt waren.

Lucian Dold

Foto: OMRON

Lucian Dold – General Manager Tactics & Operations, Global Account Management bei OMRON Europe B.V. in Hoofddorpp (NL) und Langenfeld (DE). Lucian Dold promoviert derzeit zum Thema „Bewertung von Investitionen in die digitalisierte Produktion“. OMRON ist ein Technologieunternehmen der Automatisierungstechnik und widmet sich der Bereitstellung von Lösungen zur nachhaltigen und zukunftssicheren Digitalisierung, Roboterisierung und Automatisierung von Maschinen und Produktionslinien. Das Konzept der „innovative-Automation“ schafft Nutzen durch die Verbindung von Integration, Interaction und Intelligenz. www.omron.de

 

So wie es scheint, sind die Zeiten der vollen Auftragsbücher und nahezu voll ausgelasteten Fabriken vorerst in weite Ferne gerückt. Zu den sehr oft zitierten Begriffen wie „Digitalisierung“, „Industrie 4.0“, „künstliche Intelligenz“ etc. gesellen sich deshalb seit kurzem auch „Resilienz“ und das „Neue Normal“ in die Buzzword-Wolken. Dabei sollten wir uns nun auf die nachhaltige Verbesserung der Nutzenschöpfung kümmern, um die erkannten Transformationsprozesse schnell und erfolgreich zu meistern.

Auch wenn Covid-19 jeden unerwartet getroffen hat, sollten wir uns eingestehen, dass es durchaus   positive Seiten gibt. Meine Beobachtungen zeigen mir, dass wir endlich mit der notwendigen Sorgfalt die Themen angehen, für die wir bisher zu beschäftigt waren. Wir stellen nun fest, dass sich unsere Probleme nicht in Luft auflösen, nur weil wir eine Cloud einrichten und Daten sammeln oder mit Cobots versuchen, konventionelle Prozesse zu ersetzen.

Robert Solow hat es schon in 1987 verstanden

„You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics“ konstatierte Robert Solow in der New York Times, als die Computer und PCs die Transformation zum IT-Zeitalter einläuteten. Heute stellt niemand mehr den Nutzen von Computern für unseren heutigen Wohlstand und unserer Versorgungssicherheit in Frage. Wir schöpfen kontinuierlich Nutzen aus der Anwendung dieser Technologie und können uns nicht mehr vorstellen, wie vor 35 Jahren zu arbeiten.

Schauen wir allerdings in viele Fabriken, finden wir sehr viele manuelle und belastende Arbeitsprozesse. Eine Fabrik der Zukunft und tatsächlich umgesetzte Industrie 4.0 ist eher die Ausnahme – und eher publikumswirksam präsentiert als die Regel. „You can hear Industrie 4.0 everywhere but in the serious investment plans” könnte ein transformiertes Solow Paradox lauten.

Die Angst der falschen Investitionsentscheidung

In vielen Unternehmen werden ROI-Entscheidungen auf die dezidierte Einzelmaßnahme berechnet und gemäß langjährig geübter Abläufe genehmigt. Das funktioniert mit linearen und konventionellen Abläufen. Digitalisierung allerdings funktioniert auf mehreren Ebenen.

Nutzen durch digitalisierte Produktion entsteht natürlich unmittelbar im Einzelprozess, aber auch sekundär über die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette. Die Entlastung der Menschen von physischen und monotonen Belastungen durch abgestimmte Interaktion mit autonomen und kooperierenden Robotern schöpft Nutzen durch geringeren Krankenstand und die individuelle Einsatzfähigkeit, um dem demografischen Wandel ein Schnippchen zu schlagen. Dieser Nutzen allerdings entsteht zeitlich versetzt und wird einem anderen Budget zugeordnet.

Im Hier und Heute und mit einem konventionellen ROI-Verständnis werden heute sinnvolle und nachhaltige Projekte nicht realisiert. Es gibt auch heute noch Menschen, die eine elektrische Schreibmaschine dem PC vorziehen – Aber können wir uns das in der Industrie leisten?

Plädoyer für eine neue Sichtweise

Die durchschnittliche Gesamtanlageneffizienz (OEE) im produzierenden Gewerbe liegt bei ca. 51 Prozent. Damit liegt de facto das halbe investierte Kapital brach, ohne Nutzen daraus zu schöpfen. Durch Covid-19 sollten wir kritisch hinterfragen, ob wir hier mit einem neuen Paradigma nicht mehr herausholen wollen. Stellen Sie den Nutzen in das Zentrum der Überlegungen. Was verspricht Ihnen die Digitalisierung / Roboterisierung?  Wie schöpfen Sie Wert daraus? Und welches Netzwerk an Partnern und Kompetenzen haben Sie dafür? Nutzenschöpfung, Nutzenversprechen und Nutzennetzwerk sind die empirisch belegbaren, moderierenden Elemente, um Investitionen in Organisation und Technologie zu bewerten.

Die Technologie für die Fabrik der Zukunft steht in großen Teilen zur Verfügung und wartet auf die Nutzung der Skaleneffekte. Ein klassisches Henne/Ei-Dilemma, welches durch einen zeitgemäßen Bewertungsansatz bei Investitionen aufgelöst werden kann.

Für meine Kunden erstelle ich Fachbeiträge und Anwenderberichte aus dem Bereich der industriellen Automatisierung und komplettiere die Texte durch aussagefähiges Bildmaterial.