Mensch und Digitalisierung: Eine Erörterung von Dr. Andrea Sibylle Claussen, Frankfurt, 28. Juni 2021

Wieviel Dosis „digital“ verträgt der Mensch überhaupt? Welche Wirkung hat das Leben im virtuellen digitalen Raum auf unsere Wahrnehmung der Welt und von uns selbst? Und was hat das mit Führung zu tun? Digitalisierung bedeutet Fluch und Segen zugleich, meint Dr. Andrea Sibylle Claussen.

Dr. Andrea Sybille Claussen

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Dr. Andrea Sibylle Claussen ist Executive Coach, Ärztin, spezialisiert auf ostasiatische Medizin, und Unternehmerin. Sie gründete „I am Wilderness Leadership Experience” und verbindet ihre Expertise aus dem Coaching, den Neurowissenschaften, der Ökopsychologie und dem Fünf-Elemente-Model der ostasiatischen Medizin. www.iamwilderness.de


Dieser Artikel soll vor allem eines: Helfen zu verstehen, was gerade ist. Den Ist-Zustand in der digitalen Arbeitswelt deuten – und was es für Führung bedeutet. Gleichzeitig sich als Führungskraft und als Mensch gut vorbereiten auf die Zukunft. Antizipieren. Nicht überrascht werden. Sich ändern, bevor ich geändert werde. Präventivmedizin im Business-Kontext. Wie muss ich mich selbst und meine Organisation aufstellen, um in Balance zu bleiben, das Gleichgewicht zu halten und meine Widerstandskraft zu stärken? 

Was ist eigentlich „die Natur“ guter Führung? Wo liegt der Ursprung, die Wurzel, die Essenz guter Führung? Eine Spurensuche innerhalb des Dreiklangs: Natur – digitale Arbeitswelt – Führung. 

Führen bedeutet im Kern, dass eine Gruppe von Menschen einem einzelnen Menschen folgt. Eine Führungskraft ist bedeutungslos, wenn andere ihr nicht folgen. Die Motivation, warum andere folgen, ist vielfältig: Weil sie müssen, da sonst Bestrafung droht. Weil sie wollen. Weil sie sich mit dem Ziel identifizieren, weil sie Gleiches wollen und weil es sich gut anfühlt, eine Gemeinschaft bilden – eine Gemeinschaft, die ein Anführer, eine Führungs-„Kraft“ zusammenhält.

Ursprünglich waren „Leader“ An-Führer, Menschen, mit besonderen Fähigkeiten, die nützlich waren für die Gemeinschaft, das Dorf, das Land: ein Mensch, Mann oder Frau, mit besonderem Mut, besonderen Leistungen für die Gemeinschaft, bei der Jagd, der Heilung, besonderer Weisheit, in der Kriegführung. Ziel: Sicherstellung von Nahrung und Sicherheit, Orientierung, eines höheren Sinns – im weitesten Sinne eines stabilen Gleichgewichts, einer Balance. 

Spannungsfeld Führung

Führung steht heute im Spannungsfeld von immer schnelleren Veränderungen und einer komplexeren Welt. Das waren noch Zeiten, wo es nur darum ging, Gewinne zu erzielen. Heute geht es neben dem normalen Business darum, die Gesundheit des Planeten wiederherzustellen, Bedürfnisse nach Sinn, nach Werten, nach Gerechtigkeit und ethisch richtigem Handeln zu erfüllen – und dabei das Unternehmen, die Mitarbeiter und sich selbst gesundzuhalten.

Digitalisierung kreiert in weiten Teilen zunächst Disruption. Menschen müssen neue Systeme lernen und anwenden. Systeme müssen von Menschen in komplexen IT-Umstellungen verändert werden, quasi IT-Operationen am offenen Herzen. Wofür? Jeder sagt, Digitalisierung sei gut und wichtig, auch wenn es eine große Herausforderung für jedes Unternehmen darstellt. Alles wird dann schneller und effizienter gehen. Wirklich? Die Botschaft des Digitalisierungs-Narrativs lautet: NACH der Umstellung, also nach der chaotischen Übergangsphase, wird alles besser. Aber WAS genau wird besser?

Digitalisieren – darf man fragen, warum?

Digitalisierung arbeitet aktuell nach dem Prinzip eines Hoffnungsversprechens. Und manchmal scheint es mir, dass wir alle vor lauter digitalisieren vergessen haben, warum wir eigentlich digitalisieren. Tun wir es, weil es alle machen – und weil es „richtig“ erscheint? Sind wir im ganzheitlichen Sinne als Menschen auf diesem Planeten wirklich besser aufgestellt, wenn wir um jeden Preis digitalisieren?  Darf „man“ diese Frage eigentlich stellen, ohne Stirnrunzeln zu ernten?

Wir glauben, wenn wir „es“, das Digitalisieren, nicht machen, dann überholen uns die anderen und wir verlieren Marktanteile und Kunden. Stimmt wohl. Aber: Werden die Menschen, deren Welt ja besser werden soll und die mit digitalen Systemen arbeiten, wirklich mitgenommen in diesem Übergangs-Prozess? Und vor allem: Werden wir Menschen wirklich gesünder und glücklicher?

Ich stelle fest, dass viele Menschen „digitalisierungs-müde sind“. Sie verstehen den übergeordneten Sinn nicht mehr. Alles wird chaotischer, anstrengender. Gleichzeitig wissen viele Menschen nicht, ob sie nach erfolgreicher Digitalisierung ihren Job behalten können, da dieser dann von Algorithmen und AI und Robotern übernommen wird. Demnächst wird laut einer Studie des Word Economic Forum eine Welle des „Reskilling“ notwendig werden, das heißt Menschen werden online umgeschult werden müssen.

Kürzlich sagte eine Kollegin, die unter die Kategorie Zehn-Stunden-am-Stück-Zoom-Meetings täglich fällt: „Ich fühle mich entkörpert.“ Klienten sagen: „Ich bin Zoom-müde. Es nervt.“ Gleichzeitig gibt es Kunden, die sagen: „Homeoffice ist super. Ich kann regelmäßig Sport machen, ernähre mich gesünder, fühle mich besser denn je, möchte nicht mehr zurück in den „alten“ Vor-COVID-Zustand.

Achtung Ungleichgewicht!

Bei der „Ent-körperlichung“ handelt es sich um einen Zustand des Ungleichgewichts: Das Denken, das Tempo der Informationsverarbeitung und der virtuellen Kontakte verdrängt das sinnliche Erleben von Kontakt: der Weg zur Arbeit, das Treffen auch der nervigsten Kollegen an der Kaffeemaschine, das Spüren des Windes auf dem Fahrrad, der Ellenbogen des Nachbarn in der S-Bahn, ein intensiver Augenkontakt oder Händedruck – alles derzeit nicht oder kaum möglich.

Es gibt alarmierende Untersuchungen, dass COVID nicht nur ein virologisches Geschehen ist, zum Beispiel Long-Covid mit Atemnot, sondern dass es auch eine Epidemie gibt im Bereich seelische Gesundheit, chronische Angstzustände, Vereinsamung, Abdriften in virtuelle Welten, gar Grenzverwirrungen zwischen virtuell und real. Erwachsene sitzen derzeit im Schnitt zehn Stunden vor dem Bildschirm, Kinder und Jugendliche sechs Stunden. Es gibt einen Höchststand an psychischen Erkrankungen. Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund der Psyche übertrifft nun Krebserkrankungen. Hier braucht es mehr Handlungsleitlinien für Führungskräfte.

Was macht „digital“ mit uns?

Die Frage ist: Wieviel Dosis „digital“ verträgt der Mensch überhaupt? Welche Wirkung hat das Leben im virtuellen digitalen Raum auf unsere Wahrnehmung der Welt und von uns selbst? Und was hat das mit Führung zu tun?

Hier wird das Spannungsfeld zwischen der „Natur“, dem Ursprungszustand von Führung, dem tiefsten „Sinn“ von Führung allgemein und vom Mehrwert der Digitalisierung deutlich. Führung bedeutet In-Beziehung-sein – und digitale Führung birgt das Risiko des Beziehungsverlustes und einer Sinn-Entfremdung.

Digital bedeutet Verlust von direktem zwischenmenschlichem Kontakt (ohne Bildschirm dazwischen), ohne Körpersprache, ohne sinnliche Wahrnehmung des Gegenübers, ohne Entschleunigung, ohne längere Stille zwischen Worten, ohne Raum, wo nichts geschieht. Nichts geschehen muss. Digital vernetzt zu sein schafft eine Verbindung, die sich fast ausschließlich auf der kognitiven Kopf-Ebene abspielt. Es funktioniert, es hat während COVID dazu geführt, dass die Welt nicht gänzlich zum Stillstand kam. Aber was macht „digital“ mit uns?

Als Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin TCM erinnert mich das Spannungsfeld von Führung in digitalen Zeiten an das Prinzip des Yin & Yang, dessen Modell ich seit Jahrzehnten als Ärztin therapeutisch genutzt habe. Als Führungskräfte-Coach habe mir die Frage gestellt: Ist „digital“ Yin oder Yang?

Zunächst eine kurze Erklärung, was Yin oder Yang bedeutet: Yin ist die Eigenschaft, die empfängt, zuhört, empathisch ist, abwartet, passiv ist, reflektiert, sich verbindet, bewahrt. Eine feminine Energie, die empfängt, nährt, versorgt, sich sorgt, mitfühlt. Der Same, der noch in der Erde liegt, bevor er sprießt. Die Nacht, Kälte, der Mond, Wasser.

Yang ist die Eigenschaft, die hitzig ist, die erschafft, aktiv ist, verändert. Eine notwendige Energie für Innovation und Effizienz. Eine männliche Energie, die fokussiert, Prozesse vorantreibt, pusht, hoch hinaus strebt. Höher schneller weiter. Die „Ur-Natur“ von Yang ist der Tag, die Hitze, Sonne, Feuer.

Ist Digitalisierung Yin oder Yang?

Ich denke: Yang. Immer schnellere Rechenleistung, Algorithmen, die in Millisekunden Daten erkennen und zusammenführen. Hohe Effizienz, Ersetzen von langsamerer Arbeit des Menschen durch Maschinen und künstliche Intelligenz. Höher, schneller, weiter.

Die Frage ist nochmal, wofür wollen wir schneller und effizienter werden? Wissen wir das noch, das Warum? Ist es ein Mehrwert an sich, effizienter, immer mehr YANG zu werden? Und vor allem: Was ist der Preis? Die Wahrnehmungsfähigkeit unserer Sinne verändert sich. Ein Teil unseres Seins verkümmert, wie ein Muskel, der nicht benutzt wird. Hierzu gehört auch der Muskel der Empathie und Einfühlung. Die digitale Welt ist unverbindlicher. Ich kann mich leichter entziehen. Ich klicke auf stumm und stelle das Video ab, dann habe ich mit dem, was geschieht, erstmal nichts mehr zu tun.

Meine These ist, dass die Corona-Pandemie das Thema Digitalisierungs-Notwendigkeit wie in einem Teilchenbeschleuniger beschleunigt hat: Fluch und Segen zugleich. Ohne die Digitalisierung wäre das Wirtschaftsleben zusammengebrochen. In weiten Teilen konnte die Wirtschaft weiter funktionieren. Hier hat sich der Nutzen gezeigt. Digital heißt, wir können weiter verbunden, vernetzt bleiben. Entkörperlicht, aber verbunden. In Beziehung, aber anders als vorher. Die Folgen: Teilweise haben Mitarbeiter sogar mehr gearbeitet als vorher. Kaum gegessen und kaum auf Toilette gegangen. Keine Trennung mehr zwischen Arbeit und Beruf. Dauer-Online. Es gab Gewinner und Verlierer, und das Thema „Selbst-Führung“, Disziplin und Struktur hat sich in ganz neuem Kontext gezeigt. Menschen haben sich in der digitalen Welt gefunden und verloren – je nach Persönlichkeitsstruktur und aktueller Lebenssituation.

Wir brauchen den Ausgleich

Zurück zum Yin und Yang: Es braucht einen Ausgleich zum Yang, zur Effizienz, zum Höher, Schneller, Weiter. Wenn digital bedeutet: Ent-Körperlichung im Yang, dann braucht es als Ausgleich die Ver-Körperlichung im Yin, dh. die Aktivierung der Sinne. Sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt heißt nicht nur rein kognitiv funktionieren, sondern Wahrnehmung der Welt mit allen Sinnen, inklusive des sogenannten Bauchgefühls, der Intuition – und der Fähigkeit der Selbst-Steuerung, die mit der Beherrschung der eigenen inneren „Sensorik“ zu tun hat. Mit der Frage: Wann brauche ich eine Pause, ein digital Detox? Wann ist es zuviel?

Der Mensch in der digitalen Welt fährt das Risiko zu einem reinen „Geist-Wesen“ zu werden. Ein Kopf auf einem Bildschirm. Ein Etwas, das nur noch denkt und leisten soll, als wäre alles „normal“. Mimik, Körperspannung – alles, was auf dem Zoom Bildschirm nicht sichtbar ist, Schuhe, Hose, Socken – werden unsichtbar. Ich präsentiere mich nur noch mit einem „Ausschnitt“ von mir. Das Nötigste für ein Funktionieren im Arbeitsalltag. Wenn möglich, „mute“ ich mich (stelle mein Mikrofon ab), oder stelle das Video aus. Ich bin da, aber nicht wirklich. Teilweise. Ich kann mich und andere abstellen. Ich kann sagen: Oh, die Verbindung ist abgebrochen, wenn es mir reicht. Ich kann mich entziehen, wenn ich keine Lust mehr habe. Und ich weiß: meine Kollegen sind auch solche Geistwesen wie ich, teilweise nur mit halber Aufmerksamkeit bei mir, auch sie können sich und mich jederzeit wegklicken. Digital muss ich mich nicht mit anstrengenden Kollegen arrangieren. Ich habe mehr Freiheiten. Doch ist dies eine trügerische Freiheit? 

Ist das Long-Covid-Syndrom der Digitalisierung die Zunahme von Sozialphobien und Angststörungen, inklusive des Glaubens an anonyme Mächte, die in unseren Körper eindringen können und uns in Zukunft beherrschen werden? Vielleicht ist die Alltagswelt auch gar nicht mehr so attraktiv. Fast zu angstengend.

Fazit: Was bedeutet das für Führung in digitalen Zeiten?

Die eigene Wahrnehmung steigern. Das Yin stärken, da das Yang eher leicht überhitzt. Konkret heißt das vor allem Achtsamkeit, Selbstführung, Selbstwahrnehmung, Beobachtung und Erkenntnis kultivieren und kritisches Nachdenken. Dies alles sind Yin-Elemente.

Und wo kann ich am besten den Muskel trainieren, den ich als Führungskraft in der digitalen Welt benötige? Jenseits der „digitalen Wand“, außerhalb des Bildschirms. Mitten im Leben. In einem Umfeld, das alle Sinne anspricht, das Draußen. Wind, Temperatur, Geräusche, Gerüche, sich mit dem eigenen Körper fortbewegen, schwitzen, anderen Menschen aus Fleisch und Blut begegnen, von einer Beobachtung oder Begegnung überrascht werden, weil wir vorher gar nicht wussten, dass wir sie so haben und erfahren könnten.

Die Prinzipien des Yin und Yangs sind am eigenen Leib wahrnehmbar, wenn man sich über einen längeren Zeitraum der Natur „aussetzt“. Nur dann wird spürbar, dass wir als Menschen, digital hin oder her, mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur verbunden sein müssen. Dazu gehört ein Wechsel zwischen Aktion und Ruhe, Lärm und Stille, Tun und Nichts-tun, Anspannung und Entspannung, Bewahren und Verändern, Nähe und Distanz.

Konklusion:

  • Wir brauchen beides: die digitale Welt und den regelmäßigen und bewussten Kontakt zur „natürlichen, sinnlichen Welt, um ein stabiles Gleichgewicht in Unternehmen zu halten
  • Wenn die Natur gesund ist, ist der Mensch auch gesund. Alles ist miteinander verbunden.
  • In der digitalen Welt brauchen wir einen Ausgleich zum Yang: die sinnliche Welt, die Natur, kleine Abenteuer, wo der Mensch sich in seinem Körper spüren kann: riechen, fühlen, schmecken, tasten.
  • Führung einer digitalen Transformation kann unter Beachtung des Yin-&-Yang-Konzepts gelingen. Ein Zuviel von digital Yang führt zu einem Ungleichgewicht.
  • Führung muss beide Aspekte Yin und Yang, der „Natur“ des Wandels beachten. Beides ist gleichermaßen notwendig für den Erfolg.

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